Jan Plagge: „20 Prozent Ökolandbau ist unser Mindestziel“

Bioland-Präsident Jan Plagge berichtet im Interview von den positiven Auswirkungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie, Strategien im Hinblick auf den Klimawandel – vor allem auf die zunehmende Trockenheit – und die Initiative für die Züchtung von Zweinutzungshühnern.

Die Corona-Krise beflügelt den Marktanteil von Bio-Produkten weiter. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

In der Krise wird uns allen deutlich, wie wertvoll eine funktionierende Landwirtschaft in der Region mit nachhaltigen Wertschöpfungsketten ist. Daher steigt die Nachfrage in allen Absatzkanälen deutlich an, vor allem bei unseren Direktvermarktern. Die Kunden schätzen gerade jetzt die Sicherheit einer direkten Verbindung zu den Erzeugern. Hinzu kommt, dass wieder mehr selbst gekocht wird. Die Verbraucher möchten sich was Gutes tun und greifen zu hochwertigen und heimischen Produkten.

Können Sie den Mehrumsatz für Bioland in etwa beziffern?

Bioland kennt die detaillierte Umsatzentwicklung seiner Mitgliedsbetriebe sowie Marktpartner nicht. Was wir mitbekommen haben,  ist, dass über alle Bereiche die Nachfrage steigt und zum Beispiel die Direktvermarkter und Hersteller von Trockenprodukten stellenweise einen guten zweistelligen Prozentsatz im Nachfragezuwachs verzeichnen.

Wenn der Alltag wieder beginnt, gesund zu bleiben nicht mehr alleiniger Fokus ist, könnte der Bio-Boom nachlassen. Haben Sie bereits eine Strategie entwickelt, um die Verbraucher zu binden?

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Lebensmittelskandale nur zu kurzfristigem Umschwenken im Kaufverhalten geführt haben. Da die Corona Krise von vielen Menschen aber auch als Systemkrise von Fehlentwicklungen der kapitalgetriebenen Globalisierung wahrgenommen wird, gibt es jetzt die Chance einer nachhaltigeren Wirkung. Der bewusste Einkauf von regionalen Bio-Produkten und das Interesse an heimischen Erzeugern wird unseres Erachtens nach auch über die Krise hinaus bei einigen anhalten.

Wer nicht ohnehin schon Bio-Kunde war, den hat die Krise stellenweise zum ersten Schritt in Richtung Bio veranlasst. Der Weg ist also bei vielen nun eingeschlagen. Gerade bei Hofläden und Lieferdiensten, die ja in den vergangenen Wochen den größten Boom erfahren haben, besteht nun die Chance, aus vielen neuen Erstkontakten feste Bindungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern zu entwickeln, die über die akute Krise hinaus bestehen bleiben.

Welches sind derzeit die größten Herausforderungen für Bio-Bauern, -Produzenten und Händler? Speziell im Hinblick auf die Pandemie-Situation aber auch im Allgemeinen?

Bezogen auf die Pandemie spielt die große Nachfrage und die damit einhergehenden Anforderungen eine große Rolle bei unseren Betrieben. Mit Nachfragezuwächsen von bis zu 70 Prozent geraten einige an ihre Grenzen. Bio-Kisten beispielsweise sind gefragt wie nie und es gibt inzwischen vielerorts Wartelisten.

Da unsere Mitglieder für den heimischen Markt produzieren sind diese auch nicht den Abhängigkeiten vom internationalen Markt ausgesetzt. Ihre regionalen Wertschöpfungsketten, zahlen sich nun besonders aus. Der Klimawandel und die erneute Trockenheit hingegen bereiten uns große Sorgen.

Welche Lösungsansätze gibt es im Hinblick auf Hitze und Trockenheit?

Die Trockenheit im dritten Jahr hintereinander erinnert uns daran, dass wir bei der Lösung der Klimakrise keinen Augenblick nachlassen dürfen. Auch wenn der Ökolandbau bei den Auswirkungen der Klimakrise aufgrund der nachhaltig bewirtschafteten Böden, insbesondere konsequentem Humusaufbau, etwas besser aufgestellt ist, treffen diese uns ebenso. Wir haben den Effekt nur ein wenig zeitverzögert, da die Wasserspeicher im Boden länger ausreichen. Wenn dieses Jahr das dritte Dürrejahr in Folge wird, hätte das gravierende Auswirkungen für die gesamte Landwirtschaft. Von massiver Abstockung der Tierbestände bis hin zu Hofaufgaben. Wir brauchen  zur Anpassung ganz neue Anbausysteme, die auch schon in der Entwicklung sind.

Um nun schnell voran zu kommen, müssen die politischen Weichen endlich in die richtige Richtung gestellt werden. Der New Green Deal bietet dafür Chancen und mit der Farm-to-Fork-Strategie kann die Grundlage der Ausgestaltung der neuen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik gelegt werden. Damit schaffen wir einen Markt für diese Gemeinwohlleistungen und können unsere Lebensgrundlagen erhalten. Die Maßnahmen des Ökolandbaus sind aktiver Klimaschutz. Diese gilt es jetzt zu stärken.

Wie ist Ihre Position zur neuen Düngeverordnung?

Dass Ziel der Novellierung der Düngeverordnung für mehr Trinkwasserschutz finden wir gut und richtig. Gleichzeitig sind wir mit einem Teil der Auflagen, die auch Bio-Betriebe treffen, keinesfalls zufrieden. Bio-Betriebe sind Teil der Lösung und nicht Verursacher hoher Nitratwerte im Grundwasser. Das ist vielfach wissenschaftlich und von der Wasserwirtschaft nachgewiesen. Ihr Einsatz muss dringend in der Düngeverordnung anerkannt und nicht durch Lasten gerade für Festmistbetriebe beispielsweise bestraft werden.

Gibt es neue Trends in der Tierhaltung?

Die Geschlechtsbestimmung im Ei ist ein wichtiges Thema. Bioland lehnt die aktuellen Verfahren zur Früherkennung ab. Wenn ab 2022 das Kükentöten verboten wird, müssen Alternativen her. Das Zweinutzungshuhn sowie die Aufzucht der Bruderhähne sind hier die Lösung.

Die Verbraucher dürfen sich jetzt nicht von den großen Handelsketten, die InOvo anwenden, täuschen lassen. Was auf den ersten Blick nach Tierwohl klingt, ist in Wahrheit ein Kükentöten mit anderem Namen. Alle aktuell verfügbaren Selektionsverfahren im Ei greifen zu einem Zeitpunkt ein, zu dem das Schmerzempfinden der Küken bereits ausgebildet ist. Die Vermarktung mit der Beschreibung ‚ohne Kükentöten‘ ist daher hochgradig irreführend. Einen Eierkonsum ohne Kükentöten gibt es nur mit Hahnenaufzucht. Gemeinsam mit demeter setzen wir uns in der ÖTZ bereits seit 2015 für die Züchtung der Zweinutzungshühner ein. Das heißt die weiblichen Tiere legen genügend Eier und die männlichen Tiere setzen ausreichend Fleisch an, sodass beide sich für die Vermarktung eignen.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision für Bioland und die Bio-Branche insgesamt aus?

Unser Anspruch ist es, die treibende Kraft für die Landwirtschaft der Zukunft zu sein. Das bedeutet, dass wir uns auch weiterhin dafür stark machen, den ökologischen Landbau weiter auszubauen.  Dazu arbeiten wir weiter an der Umstellung aller an der Wertschöpfungskette beteiligten Akteure. Neben den Landwirten und den Händlern zählen hier auch die Verarbeiter, die Gastronomie, Großküchen und die Verbraucher dazu. 20 Prozent Ökolandbau sind das Mindestziel, das wir bis 2030 erreichen wollen. Unsere Zukunftsvision liegt weit darüber, denn unser Ziel ist eine ökologisch und sozial nachhaltige Landwirtschaft für alle – nur so können wir unsere Lebensgrundlagen für die folgenden Generationen erhalten.