Mit eigenen Biofachmärkten macht Edeka Alnatura, Denn’s und Basic Konkurrenz um die zahlungswilligen Biokäufer. Für die einen ein geschickter Schachzug, für die anderen ein riskantes Unterfangen. Schließlich ist Rewe mit dem Bio-Format Temma gescheitert.

Der Biomarkt wächst stärker als der Lebensmitteleinzelhandel insgesamt. Deshalb verwundert es nicht, dass konventionelle Händler sich ihren Anteil am Kuchen sichern wollen und die Biosortimente ausbauen. Discounter und Vollsortimenter steigerten ihre Umsätze bei Bioprodukten zuletzt um 8,6 Prozent auf 6,43 Milliarden Euro und kamen nach Zahlen des Arbeitskreises Biomarkt im Jahr 2018 bereits auf einen Marktanteil von knapp 60 Prozent. Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka geht noch einen Schritt weiter: Die Hamburger betreiben seit Mitte Oktober 2019 zwei eigene Biofachmärkte unter dem Namen „Naturkind“.

Der Name dürfte vielen noch als Bio-Eigenmarke von Kaiser’s Tengelmann in Erinnerung sein. Edeka sicherte ihn sich im Zuge der Übernahme vor drei Jahren. Die zwei ersten Naturkind-Märkte mit neuem Logo werden von selbstständigen Edeka-Händlern in Hamburg-Altona und  im bayerischen Dinkelsbühl auf 500 beziehungsweise 420 Quadratmetern betrieben.

Zielgruppe sind Käufer, die für Bio tiefer in die Tasche greifen 

Rund 7.000 Artikel bietet der Hamburger Markt in den denkmalgeschützten, modernisierten Hallen des ehemaligen Verladebahnhofs in Hamburg-Altona an. Neben einer Station mit unverpackter Trockenware zum Selbstabfüllen offeriert der Naturkind-Markt auch eine 17 Meter lange Frischetheke mit Käse, Fleisch, Wurst und vegetarischen oder veganen Alternativen.

Das Ziel ist klar: Edeka will einen neuen Käufertyp erreichen, „den bioüberzeugten Kunden“, wie Edeka-Vorstand Claas Meinecke gegenüber der  Lebensmittel Zeitung erklärte. Also nicht den Gelegenheitskäufer, der beim Wochenendeinkauf im Edeka-Markt auch noch die Alnatura-Haferflocken mitnimmt, sondern den Bio-Kunden, der bereit ist, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Deutschlands LEH-Primus hat in den vergangenen Jahren beim Thema Bio bereits Boden gutgemacht. Im Zuge der Listung von Alnatura-Produkten stieg der Umsatzanteil von Bio am Gesamtsortiment der Edeka auf rund 5 Prozent. Laut GfK lag Edekas Anteil am deutschen Bio-Markt 2018 bei rund 11 Prozent.

Kein Hinweis auf den Absender Edeka

Edeka will auch künftig in den Filialen die Eigenmarke Edeka Bio ausbauen. In den Naturkind-Märkten sucht man sie aber vergeblich. Anders war das seinerzeit bei den Temma-Märkten der Rewe, wo Rewe Bio den Preiseinstieg bildete. Rewe hatte sich Ende 2017 nach acht Jahren von den neun Temma-Filialen getrennt. Schlechte Standorte und ein schwaches Konzept hätten zum Scheitern des Formats geführt, heißt es in der Branche. Die Hamburger wollen es nun besser machen. In den Naturkind-Märkten findet sich kein Hinweis auf den Absender Edeka. Zwar will man das gesamte Preisspektrum bei Bio abbilden, im Vordergrund stehen aber der Fachmarktcharakter und ein entsprechendes Sortiment.

Den Preiseinstieg bildet bei Naturkind die Alnatura-Range. Im Sortiment, das insgesamt knapp 7.000 Artikel umfasst, sind außerdem fast alle renommierten Bio-Marken von  Rapunzel bis Dr. Hauschka vertreten. Neben den großen überregionalen Marken findet sich ein großes Angebot an Produkten aus der Region.

Großhändler und Lieferanten aus der Region

Beliefert werden die Naturkind-Märkte zum einen von regionalen Großhändlern wie Grell Naturkost, zum anderen direkt von Anbietern aus der Region, in Hamburg beispielsweise 50 an der Zahl. Das Planziel für den Hamburger Naturkind-Markt liegt laut Lebensmittel Zeitung bei einem Umsatz von 5 Millionen Euro im ersten Jahr. Wie viele Märkte unter dem Logo geplant sind, lässt die Edeka-Zentrale offen. Die Marke Naturkind sollte ursprünglich auch in konventionellen Filialen, zum Beispiel als Shop-in-Shop in den E-Centern prangen. Dem Vernehmen nach ist Edeka davon aber auch auf Druck der Hersteller abgerückt.

Ob das Naturkind-Konzept aufgeht, bleibt abzuwarten. Der Fokus auf Regionalität könnte sich jedenfalls gegenüber anderen Bio-Filialisten als entscheidender Vorteil erweisen. Edeka will Naturkind nicht zentral, sondern von selbstständigen Kaufleuten führen lassen, die ihre persönlichen Kontakte zu den lokalen Produzenten nutzen können.

Bio profitiert vom Nachhaltigkeitstrend

Wirtschaftlich gesehen, ist Edekas Schritt folgerichtig: Bioartikel oberhalb des Preiseinstiegs bieten dem Handel die Aussicht auf ansehnliche Margen und eine Chance, dem harten Preiswettbewerb im LEH zu entkommen. Das Thema Nachhaltigkeit  ist zwar nicht erst seit dem „Greta-Effekt“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch hat die Klimabewegung das Bewusstsein vieler, besonders junger Konsumenten, für nachhaltigen Konsum noch einmal geschärft. Davon dürfte auch der Markt für Bio-Lebensmittel profitieren.