Das FairWild-Siegel: „Die Verbraucher mit ins Boot holen“

Hersteller, Händler und Konsumenten von Bioprodukten mit Wildpflanzenbestandteilen stehen bisweilen vor einem Problem: Die Nachhaltigkeit der Beschaffung ist schwer nachzuverfolgen, auch bestehende Biosiegel bieten keine Sicherheit. Das Zertifizierungssystem FairWild setzt hier an – und fordert mehr Aufklärungsarbeit beim Verbraucher.

Wild gesammelte Pflanzen sind Bestandteil von Arznei- und Lebensmitteln, Tees und vor allem Naturkosmetik. Händler und Hersteller können ihre nachhaltige Beschaffung aber nur schwer sicherstellen. Zwar zielen eine Reihe internationaler Vereinbarungen wie das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES darauf ab, die Nachhaltigkeit der Wildsammlung zu fördern. Allerdings decken ihre Regelungen nur einen kleinen Teil der weltweit genutzten Wildpflanzen ab.

Auch die bestehenden Biosiegel sind hier keine große Hilfe. „Selbst wenn das jeweilige Pflanzenprodukt nach der EU-Verordnung über die Kennzeichnung von ökologischen Erzeugnissen als Bioprodukt zertifiziert wurde, müssen keine detaillierten Standards nachgewiesen werden, um zu konkretisieren, was die Nachhaltigkeit einer ökologischen Wildpflanzensammlung ausmacht“, kritisiert die Nichtregierungsorganisation Traffic mit Sitz im englischen Cambridge, die sich mit dem Handel von wildlebenden Tieren und Pflanzen im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung und den Erhalt der biologischen Vielfalt befasst.

Begrenzte Erntemengen, nachhaltige Sammelpraktiken und faire Bezahlung

Private Siegel sind da weiter. Das umfassendste Zertifizierungssystem für wild gesammelte Pflanzenarten ist der 2008 eingeführte FairWild-Standard der gleichnamigen Stiftung. Ihr Ziel ist ein globaler Rahmen für die Implementierung eines nachhaltigen und fairen Handelssystems für Wildpflanzen und deren Produkte. FairWild lässt prüfen, ob Entnahmen legal sind und erhebt unter anderem Daten zu Erntemengen. Das FairWild-Siegel kann damit zwar keine CITES-Prüfung ersetzen, aber das Genehmigungsverfahren unter Umständen erleichtern, indem Daten aus der Zertifizierung an CITES-Behörden im Prüfprozess übermittelt werden.

„FairWild“-zertifizierte Unternehmen müssen eine Reihe von sozialen und ökologischen Kriterien erfüllen, die von unabhängigen Auditoren kontrolliert werden. Dazu gehören die Umsetzung von Ressourcenmanagementplänen, die Einhaltung nachhaltiger Sammelverfahren, gegebenenfalls mit einer Mengenbegrenzung, und eine faire Bezahlung an die Betriebe, die Wildsammlung vornehmen. Gegenwärtig gibt es mehr als 20 zertifizierte Pflanzenarten, die im Rahmen des FairWild-Systems von Betrieben in zehn Ländern bezogen werden.

„Größte Hürde ist die Unkenntnis“

Dennoch hat sich die Annahme des „FairWild“-Standards langsamer entwickelt als von den Initiatoren erwartet. „Die größte Hürde scheint die generelle Unkenntnis der Verbraucher, und häufig auch der Hersteller, über die aus Wildsammlung stammenden Rohstoffe in der Produktion zu sein“, heißt es bei Traffic.

Die Nichtregierungsorganisation fordert Hersteller und Händler auf, sich stärker zu bemühen herauszufinden, woher die Inhaltsstoffe in ihren Produkten stammen. Sammelpraktiken sollten anhand unabhängiger Kriterien nach ihrer ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit bewertet und Einkaufsentscheidungen entsprechend ausgerichtet werden. Mitglied im Kuratorium der FairWild-Stiftung ist unter anderem Sebastian Pole, Mitgründer des Teeherstellers Pukka Herbs.

Auf Nummer sicher gehen Unternehmen, wenn sie nur Wildpflanzenprodukte beziehen, deren Herkunft vollständig nachvollziehbar ist. Traffic hat als Orientierung eine Liste von Wildpflanzen veröffentlicht, auf deren Vorkommen in ihren Produkten Hersteller und Händler achten sollten, weil sie erhöhtem Sammeldruck ausgesetzt oder in Lieferketten mit sozial problematischen Handelspraktiken zu finden sind. Darunter sind neben Sheabutter und Candelilla auch Gummi arabicum, Weihrauch, Jatamansi, Arganöl, die Baobab-Frucht, Süßholz und Wacholder.

Übersichtliche Kennzeichnung am POS: Vorbild FSC-Siegel    

Ebenso wichtig ist es für Hersteller und Händler, diese Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Aufklärungsarbeit beim Verbraucher zu leisten. „Anders als bei Holzprodukten, wo viele Konsumenten bewusst Tropenholz vermeiden, liegt zum Beispiel bei Naturkosmetik das Augenmerk der Käufer meist nur auf der Natürlichkeit der Inhaltsstoffe “, sagt David Harter vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Wo und wie diese geerntet werden, spiele dagegen kaum eine Rolle.

Bei Traffic glaubt man, dass viele Verbraucher, wie im Biosegment, bereit wären, einen höheren Preis für entsprechende Produkte zu zahlen. Voraussetzung wäre aber die Einführung eines übersichtlichen Kennzeichnungssystems, besonders am Verkaufsort des Endprodukts. Wenn ein Siegel für nachhaltige Wildsammlung es zu ähnlicher Bekanntheit wie das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council), brächte, wäre viel erreicht, sagt auch David Harter vom BfN.