Dr. Stefan Siemer, Head Corporate Sustainability bei der international agierenden Weleda AG aus dem Schweizer Arlesheim erklärt im Interview, was er für das laufende Geschäftsjahr erwartet und um welches Thema sich die Branche nicht früh genug gekümmert hat.

Herr Dr. Siemer, von welchen Themen ist denn aktuell der Markt für Naturkosmetik geprägt?

Es ist viel Optimismus und Vitalität zu spüren, die Lust auf Wachstum. Aus Nachhaltigkeits-Perspektive stechen zwei Bereiche hervor: Alles rund um unsere Lieferketten, Standards, Ethik, Transparenz. Und dann interessiert die Kunden immer stärker, welches Unternehmen hinter den Produkten steht, welche Werte es lebt, welche Haltung die Menschen im Unternehmen haben.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Das wirtschaftliche Wachstum der Branche ist echt stark, Frau Dambacher hat dazu ja gestern die aktuellen Zahlen präsentiert. Was die Nachhaltigkeit betrifft: Hier stimmt oft schon die Richtung, doch es dürfte gern viel schneller gehen. Vor allem was verbindliche Standards und Regularien für alle Akteure in der Lieferkette angeht. Das hängt auch eng mit der grössten Herausforderung unserer Zeit zusammen: Dem Erhalt von Biodiversität und gesunden Böden. Hier ist die Entwicklung weltweit dramatisch. Ein anderes Thema sind nachhaltige Packmittel – das steht aus Sicht der Konsumenten seit wenigen Jahren ganz oben auf dem Wunschzettel, ohne dass die Industrie hier sofort diese Erwartung erfüllt.

Sehen Sie da die Verpackungsindustrie in der Bringschuld?

Es wäre natürlich wunderbar, wenn diese Lösungen bereits einfach so am Markt für uns alle verfügbar wären. Dies ist leider nicht der Fall. Man muss ehrlich sagen: Das haben wir alle – mit ganz wenigen Ausnahmen – viel zu lange schleifen lassen. Wenn wir vor 20 Jahren damit angefangen hätten, hätten wir jetzt vielleicht schon in der Breite wirklich nachhaltige Verpackungs-Lösungen. Bei Weleda werden wir in 5 Jahren bis 2022 den Recycling-Anteil aller unserer Kosmetik-Verpackungen auf 65% mehr als verdoppeln, und dann geht es natürlich immer weiter.

Wo geht es in den nächsten Jahren hin?

Ich hoffe natürlich, dass der Optimismus bleibt und unsere Branche weiterwächst. Im Bereich Nachhaltigkeit hoffe ich, dass wir uns immer stärker den Fragen zuwenden, die auch richtig weh tun können: Wie viel dürfen wir noch wachsen, ohne dass wir unsere Erde ruinieren? Und für jedes einzelne Unternehmen: Welchen positiven Gesamtbeitrag leiste ich für die Welt? Wäre es für die Welt schlechter oder besser, wenn es das eigene Unternehmen nicht gäbe? Und wie kann ich einen wirklich positiven „Handprint“ in der Welt schaffen?