Wildpflanzen und Naturkosmetik – ein Thema unter dem Radar

Wild gesammelte Pflanzen sind verborgener Bestandteil vieler Kosmetikartikel und auch in zahlreichen Bio-Produkten enthalten. Dabei werden wilde Pflanzen häufig nicht nach Nachhaltigkeitskriterien geerntet und der globale Wildpflanzenmarkt ist teilweise undurchsichtig, Lieferketten nur schwer nachvollziehbar. Hersteller und Händler können dennoch einiges tun, um die nachhaltige Beschaffung für ihre Produkte sicherzustellen.

Die Kultivierung von Nutzpflanzen bringt viele Vorteile mit sich. Daher mag es überraschen, dass eine große Anzahl von Produkten mit Wildpflanzenbestandteilen nach wie vor Absatz auf den Weltmärkten findet – sogar mit steigender Tendenz. Aber die weit verbreitete Nutzung wild gesammelter Pflanzen wird von Konsumenten oft nicht wahrgenommen, und auch Händler und Hersteller, die mit verarbeiteten Produktzutaten arbeiten, ist sie nicht immer bewusst.

Neben Arznei-, Lebens- und Nahrungsergänzungsmitteln sowie Tees ist die Kosmetik ein wichtiges Anwendungsgebiet wild gesammelter Pflanzen. Viele Körperpflege- und Make-up-Produkte enthalten zum Beispiel Sheabutter, die aus der Frucht des Karitébaums in der afrikanischen Sahelzone südlich der Sahara gewonnen wird. Eine weitere Wildpflanze, die in großem Stil zur Verwendung in Kosmetikartikeln gehandelt wird, ist Candelilla, ein Wachs, das aus einer wilden Wolfsmilchart in Mexiko extrahiert und als Konsistenzgeber zum Beispiel in Lippenstiften eingesetzt wird.

Handelszweig von gewaltigem Umfang

Wilde Pflanzen, Pilze und Flechten werden überall auf der Welt für kommerzielle Zwecke gesammelt. Der Handel mit ihnen bleibt aber oft unerkannt und ist kaum erforscht. Exakte und verlässliche Zahlen über den globalen, nationalen oder regionalen Markt für Wildpflanzen zu berechnen, ist schwierig, weil sie zu einem großen Teil lokal und informell genutzt werden. Handels- oder Produktionsstatistiken für die Produkte bestimmter Pflanzen unterscheiden häufig nicht zwischen Pflanzen aus landwirtschaftlicher Produktion und solchen aus Wildsammlung.

Schätzungen des Handelsumfangs sind also Näherungswerte, die meist auf der Basis von Zollcodes errechnet werden. Unter den weltweit 300.000 bis 400.000 Pflanzenarten gibt es rund 30.000, deren medizinische oder aromatische Verwendung dokumentiert ist. 60 bis 90 Prozent aller gehandelten Heil- und Aromapflanzen (MAP) werden nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Traffic wild gesammelt.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich, Schätzungen zufolge, der weltweite Handel mit MAP verdreifacht, allein in Deutschland wird der Wert der importierten Heil- und Aromapflanzen auf 250 Millionen US-Dollar (2015) geschätzt. Dass Wildsammlung auch heute wirtschaftlich sinnvoll ist, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen wachsen einige Pflanzen langsam oder nur bei geringer Pflanzdichte oder sind aufgrund ihrer ökologischen Anforderungen schwierig anzubauen, wie etwa der Paranuss- oder der Arganbaum. Manchmal erzielen wild gewachsene Pflanzen auch höhere Marktpreise, weil sie als qualitativ hochwertiger empfunden werden – oder es tatsächlich sind. So ist zum Beispiel in wildwachsenden Süßholzwurzeln der Wirkstoff Glycyrrhizin dreifach höher konzentriert als bei der kultivierten Pflanze.

Intransparente Lieferketten

Die Wildsammlung wird bei der Beschaffung auch künftig eine Rolle spielen – und ist eine wichtige Einkommensquelle unter anderem für arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen in ländlichen Regionen in aller Welt. Hersteller und Händler von Produkten mit Wildpflanzenbestandteilen sind also unter sozialen wie auch Artenschutzaspekten angehalten, deren Nachhaltigkeit sicherzustellen. Das stellt sie aber häufig vor Probleme.

Denn Sammlung und Handel von Wildpflanzen sind oft undurchsichtig, die Rückverfolgbarkeit der Lieferketten bisweilen schwierig. So wird zum Beispiel die Wildsammlung von Paranüssen vom Baum Bertholletia excelsa, der in den Regenwäldern Südamerikas wächst, meist nicht dokumentiert. Rahmenprogramme für Nachhaltigkeit sind jedoch unerlässlich, denn die Wildsammlung kann dazu beitragen, den Lebensraum von Pflanzen, Tieren und Menschen zu erhalten. Eine gute Praxis stärkt das Engagement örtlicher Gemeinschaften und gibt Anreize, Lebensräume zu erhalten.

Das Hauptrisiko von Wildsammlungen liegt auf der Hand: Übernutzung. In extremen Fällen gefährdet nicht-nachhaltige Wildsammlung das Überleben einer gesamten Art. Dabei sind bislang nur 7 Prozent der MAP nach Kriterien der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN bewertet, davon ist jede fünfte vom Aussterben bedroht. Vom Großteil ist der Gefährdungsgrad nicht bekannt. In manchen Fällen hat die wachsende Nachfrage dazu geführt, dass traditionelle Sammelmethoden durch intensivere und zerstörerische Praktiken abgelöst werden, wie zum Beispiel durch den Einsatz schwerer Maschinen bei der Sammlung von Süßholzwurzeln.

Auf der Suche nach standardisierten Bewertungsmethoden

Importeure, Hersteller und Händler von Produkten mit Wildpflanzenbestandteilen benötigen standardisierte Methoden für die Einschätzung der Nachhaltigkeit von Wildsammlung. Und es gibt bereits praktische Lösungen, damit sich Unternehmen vergewissern können, dass ihre Lieferungen von Wildpflanzen aus legalen und nachhaltigen Quellen stammen.

Eine Reihe internationaler Rahmenvereinbarungen zielt darauf ab, die Nachhaltigkeit der Wildsammlung weltweit zu fördern. Das wichtigste Instrument, wenn auch beschränkt auf bestimmte Arten, ist das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES. Es verbietet nicht nur den kommerziellen Handel mit einigen Arten, sondern reguliert vor allem den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenspezies, die in Anhang 2 des Übereinkommens gelistet sind.

Der Handel mit diesen Pflanzenarten ist legal, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Damit eine Import- beziehungsweise Exportgenehmigung erteilt wird, müssen sich die Regierungsbehörden davon überzeugt haben, dass die Sammlung das Überleben der Art nicht gefährdet und einen Unbedenklichkeitsbefund ausstellen. Hierzulande ist das Bundesamt für Naturschutz die Genehmigungsbehörde für alle Im- und Exporte von Arten, die durch CITES geschützt sind.

Die Einhaltung der CITES-Bestimmungen ist bei wildgesammelten Pflanzen ein Indikator für Nachhaltigkeit. Allerdings: Für Pflanzen, die nicht in CITES aufgenommen sind, gibt es häufig gar keine oder nur eine schwache Kontrolle der Sammlung zu Handelszwecken. Hier können Zertifizierungssysteme wie das FairWild-Siegel ein wirkungsvolles Mittel sein, um Produktionsweisen und den Handel zu beeinflussen.