„Digitalisierung ist bei der nachhaltigen Transformation der Landwirtschaft eine wichtige Säule“

Andreas Schweikert, Referent Landwirtschaft des Digitalverbands Bitkom, über das Zusammenspiel von Ökologie und Technologie sowie die Herausforderungen, welche die digitalen Entwicklungen in der Landwirtschaft mit sich bringen – etwa die ernst zu nehmende Gefahr von Hackern.

Ökologische Landwirtschaft – Natur pur – und Digitalisierung – Technik pur – passt das für Sie zusammen?

Absolut. Digitalisierung und Natur sind kein Widerspruch. Die Ziele der ökologischen Landwirtschaft sind eine umweltschonende Produktion und eine artgerechte Tierhaltung. Die Digitalisierung ist dabei ein Werkzeug, um genau diese Ziele zu erreichen.

Außerdem: Ohne den technologischen Fortschritt wären wir heute nicht in der Lage, die hohen Anforderungen an die Landwirtschaft zu erfüllen. Vor 70 Jahren hat ein Landwirt etwa 10 Personen ernährt, heute sind es über 135. Ohne Traktoren und mobile mechanische Erntemaschinen wäre das nicht möglich gewesen. Digitalisierung ist dabei eine technologische Weiterentwicklung, die nicht nur für eine höhere Produktivität sorgt, sondern eben auch die Belange der Umwelt stärker berücksichtigt.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, der Mobilfunkstandard 5G sei „nicht an jeder Milchkanne notwendig“. Wie ist Ihr Standpunkt?

Fakt ist, für den Einsatz digitaler Technologien in der Landwirtschaft braucht es gute Konnektivität bis auf den Acker und in den Stall. Aktuell erfolgt die Datenübertragung mit Maschinen meist noch über USB-Sticks. Das ist auf Dauer nicht die Lösung, zumal cloudbasierte Anwendungen, Drohnen oder Feldroboter in Zukunft eine noch größere Rolle spielen werden.

5G ist bei vielen Landwirten aber derzeit gar kein Thema, zumal es aktuell keine Anwendungen mit dem Bedarf solcher Datenübertragungsraten gibt. Sie wären schon froh, wenn sie 3G oder 4G hätten. Deshalb brauchen wir gerade im ländlichen Raum mehr Tempo beim Netzausbau. Von der Planung bis zur Inbetriebnahme eines Mobilfunkmasts vergehen mitunter drei Jahre. Das ist zu langsam. Schnelle Vereinfachungen bei Genehmigungsverfahren und Offenheit für innovative Verlegemethoden könnten Abhilfe schaffen. Drahtlose Datenübertragung ist darüber hinaus nicht auf Mobilfunk beschränkt. WLAN, Bluetooth oder andere Funktechnologien wie LoRaWAN können gute Alternativen sein.

Erheben Sie Forderungen an die Politik?

Die Bundesregierung möchte in den nächsten Jahren den Aufbau lokaler, sogenannter  ad-hoc-Netze, fördern. Landwirte können somit 5G Frequenzen erwerben und auf ihrem Betrieb einsetzen.

Das wird für einige Landwirte die Lösung sein. Um diese Maßnahmen sinnvoll zu ergänzen, sollten landwirtschaftliche Betriebe, die weder aktuell noch absehbar über Mobilfunk- oder Festnetzanschlüsse mit hinreichenden Bandbreiten verfügen, mit komplementären Technologien wie Breitbandinternet via Satellit versorgt werden. Auch hierfür gilt es, wettbewerbsneutrale Unterstützungsmaßnahmen in Betracht zu ziehen, beispielsweise durch eine Förderung der einmaligen Anschaffungskosten.

Auch der Festnetzausbau darf nicht vernachlässigt werden. Um flächendeckend schnelle Internetverbindungen im ländlichen Raum sicherzustellen, ist die öffentliche Hand dort gefragt, wo ein wirtschaftlicher Ausbau perspektivisch nicht machbar ist. Für diese unterversorgten Gebiete braucht es unter Berücksichtigung eines ausreichenden Investitionsschutzes auch öffentliche Mittel zur Förderung des Ausbaus von Glasfasernetzen. Für den Glasfaser-Ausbau braucht es einfachere Antrags- und Genehmigungsverfahren.

Ziel muss unter anderem die vollständige Digitalisierung aller wegerechtlichen Genehmigungsprozesse für Fest- und Mobilnetze sein. Zudem sollte das Potenzial alternativer Verlegetechniken einschließlich der oberirdischer Verlegung deutlich stärker ausgeschöpft werden, um Kostensenkungs- und Beschleunigungspotentiale beim Glasfaserausbau zu heben.

Wie können sich Landwirte mit schlechter Netzversorgung helfen?

Bei schlechter Netzversorgung wird es erforderlich sein, neue Glasfaserleitungen zu verlegen. Hierbei kommt den Kommunen eine zentrale Rolle zu, denn sie sind gefragt, die entsprechenden Förderverfahren einzuleiten. Darüber hinaus kann kurzfristig eine bessere Versorgung durch Satellitenanbindungen erfolgen. Hierzu sind im Markt zahlreiche Angebote verfügbar. Auch Mobilfunk kann eine Alternative zum Festnetzanschluss sein.

Wo sehen Sie bei der Digitalisierung besondere Chancen für Umweltschutz und Nachhaltigkeit?

Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung bei der nachhaltigen Transformation der Landwirtschaft eine wichtige Säule sein wird. Um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und den Klimawandel zu bekämpfen, braucht es Veränderungen – und Digitalisierung kann dabei unterstützen. Precision Farming-Anwendungen wie die teilflächenspezifische Ausbringung von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln können dabei helfen, Ressourcen zu sparen, Biodiversität zu fördern und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten.

Digitale Technologien ermöglichen es zudem, mehr Transparenz herzustellen und damit eine digitale Brücke zu den Endverbrauchern zu schlagen. Es gibt in der Bevölkerung ein gesteigertes Bewusstsein für regionale und nachhaltig produzierte Lebensmittel. Informationen über die Herkunft oder die Anbaumethode lassen sich digital erfassen und über Technologien wie Blockchain gesichert an die Verbraucher vermitteln, um den Aspekt Nachhaltigkeit beim Einkauf besser zu berücksichtigen.

Zudem gibt es digitale Geschäftsmodelle wie Lebensmittelplattformen oder digitale Hofläden, die Lebensmittel direkt zwischen Landwirten und Verbrauchern vermitteln – transparent, regional und unkompliziert. Das Interesse ist groß und Corona hat diesen Trend verstärkt.

Pflanzenwuchs-Kontrolle per Satellit, automatisierte Düngung, GPS-gesteuerte Landmaschinen, digitale Hofläden – überall werden Daten gesammelt. Wie steht es um deren Nutzung?

Für uns ist klar, dass Daten die Grundlage für die digitale Landwirtschaft bilden. Die Hoheit darüber, was mit diesen Daten geschieht, muss beim Landwirt liegen. Das ist eine Grundvoraussetzung für das Vertrauen in die Nutzung digitaler Anwendungen in der Landwirtschaft.

Die Datennutzung kann den Landwirten aber konkret Mehrwerte und Arbeitserleichterungen bieten. Das sehen auch Landwirte so. Unsere aktuelle Umfrage hat ergeben, dass die meisten Landwirte bereit sind, ihre Betriebsdaten zu teilen, insbesondere wenn sie dadurch zum Beispiel einen geringeren bürokratischen Aufwand haben oder Schäden an Landmaschinen frühzeitig erkennen und beheben können. Um die Potenziale zu schöpfen, ist es daher wichtig, den freien Datenaustausch zu fördern und Datensilos zu vermeiden.

Reicht es für eine Digitalisierung aus, sich mit den Angeboten zu befassen oder sollten Landwirte wie Verkäufer externe Unterstützung in Anspruch nehmen?

Eine der größten Hindernisse bei der Digitalisierung ist das fehlende Wissen und mangelnde Digitalkompetenzen. Da ist es sicher ratsam im Zweifel externe Hilfe heranzuziehen.

In Zukunft ist es aber wichtig, genau dort früh anzusetzen. Digitalkompetenzen sollten bereits im Studium oder der Ausbildung stärker vermittelt werden. Wir plädieren dafür, Digitalisierung verstärkt in die Lehrpläne zu integrieren – nicht nur als eigenes Fach, sondern querschnittsmäßig als ein Werkzeug, um Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

Welche Maßnahmen sollten Landwirte und Unternehmen der Bio-Branche zum Schutz vor Hacker-Angriffen und Datenverlust ergreifen?

Es gibt kleine, einfache Maßnahmen, die jeder ohne großen Aufwand oder externe Hilfe ergreifen kann. Zum Beispiel sollte das Passwort mindestens acht Zeichen lang sein und sowohl Groß- und Kleinbuchstaben, als auch Ziffern und Sonderzeichen enthalten.

Außerdem sind regelmäßige Updates wichtig. Sicherheitslücken sind meist Programmierfehler, durch die sich Viren und Schadsoftware Zugang zu den Daten verschaffen. Sicherheitsupdates schließen diese Lücken. Deshalb sollte man sie schnellstmöglich installieren.

Oberstes Gebot bleibt aber immer: den gesunden Menschenverstand nutzen. Vor allem bei dubiosen Mails und Anfragen. Banken und andere Unternehmen bitten ihre Kunden nie per E-Mail, vertrauliche Daten im Netz einzugeben. Diese Mails sind am besten sofort zu löschen.

Wichtig ist, dass Landwirte die Gefahren, die von Cyberkriminellen ausgehen, ernst nehmen – und entsprechend handeln. Ein Landwirt muss Profi in einem Job sein – aber sich nicht auch perfekt im Bereich der IT-Sicherheit auskennen. Der Markt an Sicherheitsdienstleistern ist groß und bietet für jeden passende Serviceleistungen und Produkte. Deshalb lohnt es, sich zu informieren und sich kompetente Hilfe zu holen.