Bio-Branche beim Tier- und Pflanzenschutz einen Schritt voraus

Lebensmittelhersteller und -händler haben großen Einfluss auf die biologische Vielfalt. Dennoch legen nur wenige Branchenstandards und Siegel Kriterien für den Artenschutz fest, zeigt eine EU-weite Studie. Das gilt auch für die Bio-Branche. Einige Hersteller sind selbst aktiv geworden und setzen sich mit eigenen Strategien für Biodiversität ein.

Die Zahlen sind dramatisch: Von den geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sind rund eine Million vom Aussterben bedroht. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten sind laut dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) vom Menschen bereits erheblich verändert worden, in den Meeren sind es zwei Drittel. Lebensmittelindustrie und -handel mit der Landwirtschaft als wichtigstem Zulieferer haben daran wesentlichen Anteil.

Die Branche kann deshalb auch entscheidend dazu beitragen, den Verlust an Biodiversität zu stoppen – auch im eigenen Interesse. Denn der Erhalt und die schonende Nutzung der Arten sind kein reines Umweltthema. Sie sind auch Grundvoraussetzung für Produktionsprozesse und die globale Ernährungssicherung. Dennoch hat der Schutz von biologischer Vielfalt und Ökosystemen im Lebensmittelsektor nicht den Stellenwert, der ihm gebührt. Das ist das Ergebnis einer EU-weiten Studie, die Branchenstandards und Siegel sowie Beschaffungsrichtlinien von Unternehmen auf ihre Kriterien zur Biodiversität untersucht hat. Dabei kommt Siegeln und Standards eine bedeutende Rolle zu. Sie liefern eine wichtige Orientierung für Einkauf und Qualitätssicherung in Unternehmen, Siegel erfüllen diese Funktion auch beim Endverbraucher.

Ernüchterndes Ergebnis

An der Initiative „Biodiversität in Standards und Labels für die Lebensmittelbranche“ sind neben dem Global Nature Fund, der Agentur AUF! und der Bodensee-Stiftung auch die spanische Fundación Global Nature, Solagro und agence good (Frankreich) sowie das Instituto Superior Técnico (Portugal) beteiligt. Von den über 400 Standards mit Relevanz für den europäischen Markt wurden 54 regionale, nationale, europäische und internationale ausgewählt, die die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte abdecken. Der „Baseline-Report“, von der Europäischen Kommission unterstützt, gibt damit einen umfassenden Überblick, wie der Artenschutz aktuell in Standards und Unternehmensanforderungen verankert ist.

Im Mittelpunkt standen die Fragen: Sind Definitionen der Begriffe rund um Biodiversität enthalten? Nimmt der Standard Bezug auf internationale Konventionen zum Artenschutz? Formuliert der Standard das Ziel, einen Beitrag zum sogenannten „No-Net-Loss“ (Kein Nettoverlust an Arten) zu leisten?

Das Ergebnis ist ernüchternd: Obwohl Konzepte wie „Kein Nettoverlust an Biodiversität“ mittlerweile in europäischen (EU-Biodiversitätsstrategie 2020) und nationalen (Nationale Strategie Biologische Vielfalt) Strategien als politisches Ziel aufgeführt werden, ist das Thema Artenschutz in der Lebensmittelbranche noch selten Bestandteil von Standardkriterien. Artenschutzkriterien gehen hier selten über die gute fachliche Praxis hinaus, werden nicht konkret formuliert und berücksichtigen nur teilweise Ursachen für den Verlust biologischer Vielfalt. Nur neun von 36 untersuchten Standardorganisationen unterstreichen die Bedeutung der Vermeidungsstrategie (Artenverlust vermeiden, vermindern, kompensieren). Nur drei Standards formulieren das Ziel, einen Beitrag zu leisten, um den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen.

Landwirtschaft ist für 70 Prozent des Artensterbens verantwortlich

In den meisten analysierten Unternehmensrichtlinien wird der Schutz der Arten und Ökosysteme gar nicht erwähnt. Kein Unternehmen bezieht sich nur auf ein bestimmtes Ökosystem, außer dass grundsätzlich keine Landnutzung erlaubt ist, für die Primärwälder zerstört wurden. Nur eines der 11 untersuchten Unternehmen bezieht sich auf die Vermeidungsstrategie, ebenfalls eines verweist auf das Internationale Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt (CBD).

Für die Standardorganisationen besteht eindeutiger Handlungsbedarf, so die Studienautoren. Denn die Landwirtschaft trägt in besonderer Weise zum Biodiversitätsverlust bei. Die direkten und indirekten Wirkungen der Nahrungsmittelproduzenten auf die Artenvielfalt in der Lieferkette vom Acker bis zum Supermarktregal sind oft komplex, die Zwänge der Branche groß. Eine wachsende Weltbevölkerung, gestiegener Nahrungsmittelbedarf, ein globalisierter Lebensmittelmarkt und geänderte Konsummuster: All das führt zu einer Ausweitung landwirtschaftlich genutzter Flächen, immer intensiveren und vereinheitlichten Bewirtschaftungsformen mit dem Einsatz von Pestiziden, synthetischem Stickstoffdünger und schweren Maschinen ebenso wie der Konzentration auf einige wenige Hochleistungssorten und -rassen.

In den europäischen Lebensmittelstandards ist dennoch zum Beispiel die Förderung gefährdeter Nutztierrassen und Kulturpflanzen nur „unzureichend adressiert“, wie es in der Studie heißt. Dabei sei der Erhalt der genetischen Vielfalt in vielen Fällen wie bei Industrietomaten oder Hartweizen sehr stark eingeschränkt.

Regelmäßiges Monitoring ist unerlässlich

Für Verantwortliche bei der Revision von Standardkriterien und der Überarbeitung von unternehmensinternen Beschaffungsrichtlinien haben die Studienautoren eine Reihe von Empfehlungen für effektive Biodiversitätskriterien erarbeitet. So sollten Standards und Unternehmen gemeinsam mit Landwirten und Lieferanten langfristige Vermeidungsstrategien erarbeiten.

Zertifizierte Betriebe beziehungsweise Lieferanten müssten über ein regelmäßiges Monitoring belegen, dass negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt verringert wurden. Standards und Unternehmen sollten ihren Biodiversitätsabdruck ermitteln und diesen kompensieren, beispielsweise durch Schaffung von Biotopkorridoren oder Heckenreihen. Hier müssten Standards immer über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen und ihre Landwirte gegebenenfalls dafür entschädigen, wenn diese Agrarflächen aus der Bewirtschaftung herausnähmen und in Biotope umwandelten.

Maximale Viehdichte, minimale Pufferzonen und Nährstoffbilanzen

In einigen Bereichen sind Maximal- oder Minimalwerte sinnvoll, so zum Beispiel eine Mindestbreite für Pufferzonen, eine Mindestanzahl an Schattenbäumen pro Hektar, maximale Viehdichte pro Hektar oder Maximalwerte bei der betrieblichen Stickstoffbilanz. Standards sollten Nährstoffbilanzen einfordern und auch Boden- und Pflanzengewebsanalysen verlangen. Für die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln sollten Standards eine Positivliste erstellen und den vorbeugenden Einsatz von Herbiziden verbieten. Weitere Empfehlungen betreffen die Kontrolle des Wasserverbrauchs, Kriterien für die Wildsammlung und das Fördern alter Kultursorten und -rassen.

Deutlich verbessern muss sich laut der Studie dabei die aktive Unterstützung für die Landwirte. Berater, zertifizierte Betriebe und Auditoren verfügten oft nicht über die notwendigen Kenntnisse, um Biodiversitätsmaßnahmen effektiv umsetzen und kontrollieren zu können. Wichtig seien deshalb Schulungen zum Thema Artenvielfalt ebenso wie die Organisation von Arbeitsgruppen und regelmäßige Betriebsbesuche. Aktuell bieten Standardorganisationen kaum Weiterbildungen zum Handlungsfeld biologische Vielfalt an.

In der Praxis ist Artenschutz gelebter Alltag

Zwar liegen beim Thema Artenschutz bislang nur vereinzelt Maßnahmenkonzepte vor, wie zum Beispiel die Kulturlandpläne von Bioland für die Landwirtschaft. Häufig wird das Thema offenbar unter dem Begriff der Nachhaltigkeit subsumiert. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: In der Biobranche sind eine Reihe von Herstellern beim Artenschutz bereits aktiv. Für sie ist Biodiversität kein abstrakter Begriff, sondern gelebter Alltag.

Das zeigt sich zum einen beim Produktangebot. So hat zum Beispiel Alb-Gold Nudeln aus alten Getreidesorten wie Dinkel, Emmer und Einkorn im Sortiment. Auch im tierischen Bereich haben Bioproduzenten Innovationen angestoßen oder mitgetragen, zum Beispiel Fleisch vom Schwäbisch-Hällischen Schwein, vom Werdenfelser Rind oder vom Rhönschaf.

Wie der Teigwarenhersteller Alb-Gold, der auf dem Firmengelände mehrere Feuchtbiotope und Nisthilfen eingerichtet hat, engagieren sich etliche Bio-Unternehmen auch über das Produktportfolio hinaus für den Artenschutz. So erstellt und sponsert Neumarkter Lammsbräu individuelle Kulturlandpläne für Vertragslandwirte. Dadurch entstehen zum Beispiel Hecken, Blühstreifen oder Biotopverbünde.

Blühstreifen, Saatgutfonds, Gewässerschutz

Der Schweizer Hersteller Holle Babyfood fördert schon seit Jahren den Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die Rapunzel GmbH hat die Initiative Foodprint mit ins Leben gerufen, die sich für die Regulierung von Genome-Editing-Methoden einsetzt.

Während Hipp unter anderem die Erforschung von Schmetterlingen und Insekten in den Tropen durch die Zoologische Staatssammlung München (ZSM) fördert, engagiert sich Bionade für die Biodiversität in der eigenen Region. Der Limonadenhersteller unterstützt das Biospährenreservat Rhön mit unterschiedlichen Projekten zur Erhaltung der Artenvielfalt, zum Beispiel zur Verbesserung des Naturschutzes an Fließgewässern und zum Schutz von Wildkatzen.

Fazit: Die Biobranche ist in der Praxis der Theorie bereits ein Stück voraus. Umso mehr sollten auch Standards, Siegel und Unternehmensrichtlinien das Thema Artenschutz verstärkt auf ihre Agenda setzen.