Inga Günther, Geschäftsführerin Ökologische Tierzucht GmbH (ÖTZ), setzt sich für die Aufzucht männlicher Küken ein. Tier- und Naturschutz ist für sie immer in einem Kreislauf zu sehen. Ganz im Sinne der ÖTZ, einer Kooperation von Demeter und Bioland.

Frau Günther, sind Sie Vegetarierin oder Veganerin?

Nein. Das war ich noch nie, und das werde ich auch nicht. Ich bin so nah dran an der Landwirtschaft, dass ich weiß, dass Tiere die Quelle des Lebens sind. Tierischer Mist – insbesondere Rindermist – ist als Dünger unendlich wertvoll. Ohne Tiere habe ich diesen nicht und damit keinen fruchtbaren Boden. Die fruchtbarsten Böden, die Schwarzerden, sind entstanden, indem viele tausende Jahre große Rinderherden auf Grasflächen weideten.

Ich bin nicht gegen Veganer, ich bin nur dafür, dass ein Bewusstsein gebildet wird, wie die Dinge miteinander verbunden sind. Mandelmilch oder auch andere vegane Produkte richten mitunter ebenfalls große Schäden in der Umwelt an. Wer statt Milch lieber Mandel- oder Sojamilch trinkt, hilft damit also nicht unbedingt, die Ausbeutung der Erde zu verhindern.

Für Mandelmilch werden beispielsweise riesige Monokulturen in Übersee angelegt. Diese werden wiederum von Bienen bestäubt, welche zu diesem Zweck in großen Mengen in die blühenden Plantagen gebracht werden. Ist die Blüte vorbei, müssen die Bienen unverzüglich weggebracht werden. Da nichts anderes in der Gegend blüht, würden sie in kurzer Zeit verhungern.

Bei Sojaprodukten, insbesondere den nicht heimisch erzeugten, stehen ebenfalls viele Fragen – Stichwort „Regenwaldrodungen“ – auf dem Plan. Vegane vertretbare Alternativen zu Milch sind in meinen Augen darum nur Milch aus Hafer oder Soja aus heimischem Anbau.

Ökologische und nachhaltige Landwirtschaft ist ein großer Kreislauf. Weniger tierische Produkte zu essen, ist sicher der richtige Weg. Dafür bin ich den Veganern im Übrigen sehr dankbar. Denn sie rütteln auf und sensibilisieren die Menschen für wichtige Themen wie Massentierhaltungen und das heutige landwirtschaftliche rein kapitalistische System, welches komplett aus dem Ruder gelaufen ist.

Welche wichtigen Themen sind das zum Beispiel?

Zum Beispiel das Töten männlicher Küken, die zur Eier-Produktion nutzlos sind. Das zu vermeiden, ist eines der großen Themen der Ökologischen Tierzucht. Wir züchten deshalb Zweinutzungshühner. Die Weibchen legen die Eier, die Hähne werden aufgezogen und dienen als Fleischlieferanten. Beides ohne Hochleistung und damit per se besser für das Tier. Wenn jeder von uns ein oder zwei Hähne pro Jahr isst, dann ist die Eierproduktion ohne Küken-Töten problemlos möglich.

Eine Alternative zur Aufzucht ist die In-Ovo-Selektion. Das lehnen Sie aber ab. Warum?

Weil das aktuell eingesetzte In-Ovo-Selektionsverfahren die männlichen Küken erst am 14./15. Bruttag erkennen kann und die Embryonen da bereits nachweislich ein Schmerzempfinden haben. Deshalb müssen sie auch betäubt werden, bevor sie in den Schredder kommen. In meinen Augen ist es Verbrauchertäuschung, dass nun alle, die dieses Verfahren nutzen, „ohne Küken-Töten“ auf die Packung schreiben. Denn das stimmt in Wahrheit nicht. Die Küken werden getötet, nur eben im Embryo-Stadium. Das sind wiederum etwa 45 Millionen Eier pro Jahr, die verschwendet werden und Tiere die nicht schlüpfen, weil es wirtschaftlich keinen Sinn macht. Dann sollten die Küken lieber wie bisher ausgebrütet und am ersten Tag getötet und beispielsweise an Störche verfüttert werden. Also bedeutet die Selektion im Ei in Wahrheit keinen Fortschritt sondern einen Rückschritt – von Seiten der Politik wird das jedoch gerne andersherum dargestellt.

Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass sich das Zweinutzungshuhn durchsetzt?

Die Produkte von Zweinutzungstieren sind teurer für die Menschen. Allerdings bezahlt das Tier weniger, weil es weniger leistet,  daher weniger leidet. Die Konsumenten müssen verstehen, dass mehr Tierwohl sie mehr kostet und die Tiere für günstige Produkte einen hohen Preis zahlen müssen. Überdies müssen wir alle lernen, weniger tierische Produkte zu essen, dann macht es nichts aus, wenn Eier und Fleisch teurer für uns sind.

Die Corona-Krise bietet da aktuell eine große Chance. Die Verbraucher fragen mehr nach und kaufen bewusster. Aber wir müssen uns nichts vormachen, das Zweinutzungshuhn allein kann das aktuell vorherrschende System nicht ändern. Dennoch ist es ein Teil des Wandels. Die Hochleistungstiere aus den Ställen zu verbannen und dafür Zweinutzungshühner einzustellen bringt nichts. Es wird auch an vielen anderen Stellen Veränderungen geben müssen.

Es gibt momentan einen heftigen Diskurs in der Bio-Branche, wie man mit dem Küken-Töten umgeht. Für mich steht jedoch fest: Bio muss in Zukunft immer mit Hahnenaufzucht sein. In-Ovo-Selektion ist keine authentische Lösung für eine ökologische Landwirtschaft.

Wie ist Ihre Strategie?

Wir werden in unseren Zusammenhängen in der kommenden Zeit alles daran setzen, so viele Ställe für Hahnenaufzucht zu organisieren wie möglich. Damit zumindest von Bioland- und Demeter-Höfen jeder Hahn aufgezogen werden kann. Parallel dazu brauchen wir eine gute Vermarktung der Tiere. Also machen wir Aufklärungsarbeit auf allen Ebenen, um sicher zu stellen, dass die Hähne nicht nur aufgezogen, sondern auch vermarktet werden können.

Warum sollten die Verbraucher sonst künftig noch Bioland oder Demeter-Eier kaufen, wenn es nicht hundertprozentig sicher ist, dass kein Hahnenküken für dieses Ei gestorben ist? So wie es aussieht, wird es in der Biobranche allerdings in absehbarer Zeit keine einheitliche Lösung für das Küken-Töten geben.

Die Ökologische Tierzucht GmbH (ÖTZ) wurde im Jahr 2015 von Demeter und Bioland gegründet. Langfristiges Ziel der ÖTZ ist die Zucht von Tieren, die speziell für ökologisch wirtschaftende Betriebe geeignet sind. Bislang betreibt die ÖTZ als Schwerpunkt die Züchtung von Legehennen und Zweinutzungshühnern. Demnächst soll nun auch die Zucht von Rindern vorangetrieben werden.

Als nächstes brauchen wir Lösungen, um weniger Futter zu importieren. Was aktuell gemacht wird, ist ökologischer Wahnsinn. Ein Beispiel: Seit der BSE-Krise – die entstanden ist, weil tierisches Eiweiß an Rinder verfüttert wurde, die von Natur aus reine Grasfresser sind ­­-  ist es nicht mehr gestattet, 8Ge8GeHühnern und Schweinen tierisches Eiweiß zu füttern. Dabei sind sie Allesfresser und tierisches Eiweiß ist Bestandteil einer artgerechten Fütterung.

Aber da Schlachtnebenprodukte heute nicht mehr verfüttert werden dürfen, werden sie verbrannt oder in Länder mit anderen rechtlichen Regelungen exportiert. Um diese Eiweißlücke zu schließen, importieren wir für Hühner und Schweine in großen Mengen Soja und verursachen damit irreparable Schäden an Böden und den Ökosystemen in anderen Ländern.

Die einzig vernünftige Lösung für dieses Dilemma liegt darin, das Huhn wieder zu dem zu machen, was es absolut perfekt kann: Reste verwerten. Tonnenweise Brot wird täglich weggeworfen, Molke und Schlachtnebenprodukte werden entsorgt, Kartoffeln an Rinder verfüttert. Wir müssen lernen, diese „Abfallstoffe“ – so wie es früher üblich war – wieder an diese perfekten Allesfresser zu verfüttern und damit den Nährstoffkreislauf zu schließen.

Ein anderes heißes Eisen ist die Bullenkälbervermarktung: Wie gehen Sie da vor?

Tierschutz fängt da an, wo man ganzheitlich denkt. Bei den männlichen Kälbern ist es die gleiche Problematik wie beim männlichen Huhn. Die Bullen geben keine Milch, also werden sie nicht gebraucht, da sie aufgrund der einseitigen Zucht auf Milchleistung nur sehr wenig Fleisch ansetzen. Um diese Thematik jedoch umfangreich angehen zu können, wurde ein Kollege angestellt, welcher das Thema Rinderzucht nun bearbeiten wird.

Welche Themen stehen als nächstes auf Ihrer Agenda?

Wichtig ist, dass die auf unseren Prinzipien basierenden Produkte im Handel gut sichtbar sind. Produkte mit unserem Logo  „Aus ökologischer Züchtung“ sind noch nicht überall zu bekommen. Dass soll sich ändern. Dazu müssen wir weiterhin über die Zusammenhänge aufklären und Veränderungen auf allen Ebenen anstoßen.