Prof. Dr. Otmar Seiber: „Verbraucher tragen Verantwortung”

Prof. Dr. Otmar Seiber spricht sich für die Aufwertung regionaler Produkte aus, um den schleichenden Verlust von Landwirtschaftsflächen zu stoppen. Der Vertreter der Forschungsgruppe Agrar- und Regionalentwicklung Triesdorf GbR (ART) sieht dabei auch die Verbraucher in der Pflicht.

Welche Herausforderungen stellen sich aktuell der (Öko-)Landwirtschaft?

In erster Linie fehlt die Nachfrage! Viele Betriebe würden gerne von konventionell auf ökologisch umstellen, speziell Milchbauern, aber sie finden keine Abnehmer, weil die Verbraucher weniger kaufen als erwartet. Daher entwickeln sich auch die Preise für Öko-Produkte nicht so, wie es die Landwirte gerne hätten. Dabei spielen aber auch Öko-Importe und die Preispolitik der Discounter eine Rolle. Um das von der Politik vorgegebene und auf die Fläche bezogene Umstellungsziel im Ökolandbau – in Bayern 30 Prozent und bundesweit 20 Prozent bis 2030 – zu erreichen, müsste sich die Nachfrage drastisch erhöhen und den Landwirten müssten überzeugende und verlässliche Fördersignale gegeben werden. Im Moment werden in Bayern gerade einmal 10 Prozent der Fläche ökologisch bewirtschaftet.

Braucht es für Öko-Landbau mehr hochwertige Flächen?

Sofern konventionelle Betriebe auf ökologische Landwirtschaft umsteigen, braucht es dafür keine zusätzliche Fläche, denn es geht ja nur um einen Umstellungsprozess. Da wir bei einigen Produkten wie zum Beispiel Milch immer noch Überschüsse erzeugen und zudem eine solche Transformation nicht abrupt erfolgen wird, wäre die Versorgung der Bevölkerung nicht gefährdet, selbst wenn die Flächenproduktivität im Ökolandbau durchweg niedriger als bei konventioneller Bewirtschaftung ausfällt. Auch sollten wir die Änderungen im Ernährungsverhalten vor allem der jungen Bevölkerung nicht unterschätzen. Bisher wurde auf Ackerstandorten mit höchstem Ertragsniveau tendenziell seltener umgestellt als in mittleren Lagen und Regionen mit hohem Grünlandanteil. Grund: Hier sind die Unterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise geringer.

Was ist für Sie persönlich das wichtigste Anliegen Ihrer Arbeit?

Unser Institut beschäftigt sich aktuell im Team mit vier Partnern an einem Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ziel ist es, den schleichenden Verlust von Landwirtschaftsfläche durch eine stärkere Inwertsetzung von Regionalprodukten zu bremsen. Im Fokus steht die Veränderung der Flächennutzung in der Metropolregion Nürnberg, die sich stark über regionaltypische Lebensmittel und Spezialitäten definiert. In dieser Region gingen der Landwirtschaft bisher rund 5000 Hektar jährlich verloren, etwa ein Viertel davon für Baumaßnahmen, der Rest für ökologischen Ausgleich, naturnahe Flächengestaltung und Aufforstung. Damit schwindet die Möglichkeit, regionale Produkte herzustellen, die aber wichtig für die heimische Beschäftigung, Wertschöpfung und das Image der Region sind. Mit dem Nachweis der Beschäftigungs- und Wertschöpfungswirkungen von Regionalprodukten wollen wir Argumente dafür liefern, die Flächenverluste zu bremsen. Ein wichtiges Instrument dazu ist der Aufbau beziehungsweise die Komplettierung produktspezifischer Wertschöpfungsketten – von den Agrarprodukten über deren Verarbeitung und den Handel bis zum regionalen Verbraucher. Damit wird dem Verbraucher deutlich gemacht, dass er über seine regionale Nachfrage auch Verantwortung für die Flächen in seiner Region übernimmt. Und zugleich bekommt auch die Landwirtschaft einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft.

Welchen Einfluss können Verbraucher nehmen?

Wir können niemanden zwingen, sich ökologisch zu versorgen. Doch wir müssen den Verbrauchern klarmachen, dass das, was sie essen, einen unmittelbaren Bezug zu den Flächen rund um ihr Zuhause hat, und dass es sinnvoll ist, regionale und ökologische Produkte zu kaufen. Wenn sie sich lieber am Weltmarkt bedienen wollen und ausschließlich auf möglichst billige Lebensmittel setzen, können sie hiesige Flächen nicht schützen. Sie sollten aber bedenken, dass landwirtschaftliche Flächen nicht nur der Agrarproduktion dienen, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Gemeinwohlleistungen bieten – beispielsweise für Sport und Erholung, als Standort von Biodiversität, den Luftaustausch und vieles mehr. Mit seinem Konsum kann also jeder bewusst etwas für seine Region tun. Um das zu erleichtern, sollte allerdings die regionale Vermarktung systematisch ausgebaut werden, auch durch die Nutzung logistischer Innovationen. Nicht zuletzt müssten die Kommunen stärker darauf achten, dass sie bei der Vergabe von Flächen nicht gerade die nimmt, die für den Anbau regionaler Produkte wichtig sind.