Wachstum ist erwünscht, aber nicht um jeden Preis

Der Marktanteil von Bio ist weiter klein, doch die Nachfrage von Bio-Produkten steigt stetig, auch in Supermärkten. Verliert die Branche so ihren Markenkern?

Im Jahr 2018 gaben die Deutschen insgesamt 10,91 Milliarden für Biolebensmittel aus. Gegenüber 2017 war dies ein Plus von 5,5 Prozent. Das ist ein bemerkenswertes Wachstum, wie ein Blick auf die Zahlen des deutschen Einzelhandels zeigt: Der nahm nominal nur um 2,8 Prozent zu (preisbereinigt 1,2 Prozent). Doch der Bio-Markt ist klein. Nach Angaben des EHI Retail Institute lag der Umsatz im organisierten Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland im Jahr 2018 bei 162,10 Milliarden Euro, daran hätte Bio demnach einen Anteil von unter 7 Prozent. Noch ist Bio nicht richtig raus aus der Nische, das begünstigt größere Wachstumsraten.

Auch vor dem Hintergrund der Diskussionen um Klimawandel, regionale Produkte und gesunde Ernährung ist die wachsende Nachfrage nach Bio-Produkten nicht verwunderlich. Insbesondere Discounter und Vollsortimenter des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) steigern ihren Bio-Umsatz mit ausgeweiteten Sortimenten. So hatte der Demeter-Verband Anfang 2019 Handelsverträge mit tegut, dm, Globus und den Edeka-Regionalgesellschaften, darüber hinaus belieferten etwa 12 Demeter-Hersteller Kaufland und Real mit ihren Produkten.

Bio jetzt für alle

Die Premium-Bio-Produkte mit dem Demeter-Logo sollten für alle Verbraucherinnen und Verbraucher zugänglich sein, heißt es dazu auf der Demeter-Website. „Bio ist heute längst Mainstream geworden. Und in dieser Spannung zwischen Pioniergeist und Mainstream hat sich der Markt diversifiziert”, ergänzt Demeter Vorstand Johannes Kamps-Bender. Insgesamt liefen rund 20 Prozent der Umsätze mit Demeter-Produkten über den konventionellen Lebensmitteleinzelhandel.

Die Kooperation zwischen Bioland und Lidl sorgte in der Bio-Branche ebenfalls für Aufsehen. Doch auch hier sehen sich die Verantwortlichen auf Höhe der Zeit: Wenn die Bundesregierung 20 Prozent ökologisch bewirtschaftete Fläche im Jahr 2030 anstrebe und der Anbauverband Bioland sich 100 Prozent Biolandbau als Ziel setze, sei es für die Entwicklung des Biolandbaus in Deutschland von zentraler Bedeutung, „dass der klassische Lebensmittelhandel auf heimische hochwertige Bio-Qualität setzt – statt auf globales EU-Bio“, begründet Bioland-Präsident Jan Plagge die Anpassung der Vertriebsstrategie: „Wer bislang EU-Bio erworben hat, greift nun im Lidl-Regal nach Premium-Bio.“

Die wachsende Nachfrage geht mit einem Ausbau des Angebots einher. Im Kritischen Agrarbericht 2020 heißt es, im Jahr 2018 hätten 2.318 Betriebe auf Ökolandbau umgestellt. Demnach bewirtschafteten fast 32.000 Biohöfe geschätzte 1.521.314 Hektar Ökoflächen, was ein Betriebsplus von 7,9 Prozent und ein Flächenplus von über zehn Prozent bedeute.

Nachhaltigkeit muss im Fokus bleiben

Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN), lenkt den Blick von den reinen Zahlen weg und mahnt, hierüber nicht eines der wesentlichen Kriterien des Biolandbaus zu vergessen – Nachhaltigkeit: „Alle in der Wertschöpfungskette müssen von ihren Einnahmen leben und Margen erwirtschaften können, die Investitionen in Nachhaltigkeit ermöglichen“, sagte sie im August 2019 in einem Interview mit handelsjournal.de. Es gehe einfach nicht, dass man im Kerngeschäft weitermache wie bisher und sich härteste Preiskämpfe liefere, und gleichzeitig ein bisschen Bio liste und meine, dadurch werde alles besser. „Vom LEH und vom Discount erwarte ich einen glaubwürdigen Umbau zu einem Wirtschaften, das mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie. Mit Marketing ist es nicht getan.“

Dieser Erwartung dürfte sich das Gros der Biobranche anschließen. Auch bei Demeter ist man sich bewusst, dass Reichweitenvergrößerung nicht um jeden Preis erfolgen dürfe, und betont, Vertrieb und Handel seien an qualitative Kriterien geknüpft. Ein 2018 mit dem Discounter Real verhandelter Vertrag wurde Anfang 2019 auf Eis gelegt.