Nicht überall, wo „Bio“ draufsteht ist auch „Bio“ drin, denn auch im Öko-Landbau wird zuweilen betrogen. Gütesiegel von anerkannten Zertifizierungsstellen sollen Verbrauchern dabei helfen, seriöse von unseriösen Anbietern zu unterscheiden. Doch auch hier wird nicht selten gemogelt.

Im Sommer letzten Jahres hat die Polizei in 16 europäischen Ländern insgesamt 90.000 Tonnen Lebensmittel beschlagnahmt, darunter Sonnenblumen, Mais, Sojabohnen, Äpfel, Weizen, Beeren und Kokosmilch. Wie sich herausstellte, waren rund 470 Tonnen Obst und Gemüse als teure Bio-Ware angeboten worden. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um konventionell angebaute Produkte, die teilweise stark mit Pestiziden belastet waren. Außerhalb der EU sieht es oft nicht besser aus: So entdecken Kontrolleure der Zertifizierungsorganisation Ceres immer wieder verbotene Pestizide und Düngemittel bei Bauern in Ecuador, die angebliche Bio-Bananen anbauen.

Die Versuchung, bei Öko-Produkten zu schummeln ist groß, denn der Markt ist riesig und es gibt dabei viel Geld zu verdienen. Bio-Ware ist im Durchschnitt 30 Prozent teurer als konventionell angebaute. 2018 gaben die Konsumenten in Deutschland insgesamt 10,91 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus. Bio ist längst in der breiten Masse angekommen. Nach dem Ökobarometer 2018, einer Studie im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums, kauften 78 Prozent der Deutschen Bio-Lebensmittel – zumindest gelegentlich.

Schlupflöcher bei der Bio-Produktion

Doch wo viel Nachfrage ist, da wird auch gern geschwindelt, denn der steigende Bedarf kann nicht zu jeder Jahreszeit gedeckt werden – zumal es Produkte wie Kaffee und Bananen nur außerhalb der EU oder nicht in ausreichender Menge gibt.

Das EU-Biosiegel sollte – wie andere Bio-Siegel auch – eigentlich garantieren, dass tatsächlich auch Bio drin ist, wenn Bio draufsteht. Für Produkte, die dieses Siegel tragen, gilt beispielsweise, dass beim Anbau keine Gentechnik eingesetzt werden darf und auch für Düngemittel gelten strenge Vorgaben.

Um das deutsche Bio-Siegel oder das EU-Bio-Siegel zu bekommen, müssen Bauernhöfe, Gärtnereien und Winzer also bestimmte ökologische Mindeststandards erfüllen. Die EU-Öko-Verordnung schreibt beispielsweise vor, dass sich Betriebe mit dem staatlichen Bio-Siegel einmal im Jahr überprüfen lassen müssen. In Deutschland gibt es hierfür aktuell 23 private, staatlich zugelassene Öko-Kontrollstellen. Die Kontrollen werden normalerweise angekündigt, manchmal tauchen die Kontrolleure aber auch überraschend auf dem Hof auf.

Doch genau hier gibt es einen Haken, vor allem mit Biobetrieben aus dem Ausland, aber auch hierzulande: Die Kontrollbetriebe stehen in finanzieller Abhängigkeit zu den Produzenten – ein Produzent vor Ort kann sich aussuchen, welche Öko-Kontrollstelle und welcher Kontrolleur ihn kontrolliert. Und da der Preisunterschied von konventionellen Produkten und ökologischen Produkten sehr groß ist, ist es für Betrüger attraktiv, in diesem Bereich Waren unterzujubeln, die eigentlich keine Bioprodukte sind.

Ein weiterer Kritikpunkt liegt auch bei der dem EU-Biosiegel zugrunde liegenden EU-Verordnung: Der Begriff „Bio“ ist sehr weit gefasst, so sind etwa konventionelle Produkte zu fünf Prozent noch zulässig und es wird auch keine Rückstandsfreiheit gefordert, was es schwer macht, einen Verstoß gegen die Verordnung nachzuweisen, wenn beim Bauern bei einer Kontrolle keine Spritzmittel gefunden werden. So fallen  eingesetzte Pestizide bei Kontrollen kaum auf, da die Bauern oft schon von Spritzmittelverkäufern so beraten werden, dass sie zum „richtigen“ Zeitpunkt spritzen, weil Pestizide oft nur noch kurze Lebensdauern besitzen, die sich dann rechtzeitig wieder abbauen können. Und der Einsatz von Düngemitteln ist im Labor sowieso kaum nachweisbar – monieren Insider. Nur wer weiter sucht, kann dann noch fündig werden – etwa auf Blättern, Blüten und im Boden der Felder lassen sich Pestizide nach dem Spritzen nachweisen.

Ein weiteres Problem sind auch die Biofuttermittel. Ökotierhalter stopfen ihre Versorgungslöcher inzwischen gern mit Ware aus Osteuropa, wo mancherorts eine andere Auslegung von Bio herrscht. Sind Bio-Siegel daher meist Betrug?

Wettlauf zwischen Kontrolle und Betrug

Betrug wird sich wohl nie ganz vermeiden lassen, zumal – wie bereits erwähnt – die Öko-Kontrollstellen von denen, die sie kontrollieren, leben. Doch scheint die Unabhängigkeit der Prüfstellen in den meisten Fällen gewahrt, was auch die Verbraucher Initiative e. V. in Berlin vor einigen Jahren geprüft hat. Sie hat auf label-online.de Hunderte Label bewertet, auch nach dem Kriterium Unabhängigkeit – und das EU-Bio-Label als „besonders empfehlenswert“ eingestuft. Problematisch sieht die Initiative eher Kennzeichnungen, die sich immer mehr Firmen selbst geben und auf ihre Verpackungen drucken und sich so den Anschein eines Siegels geben, ohne eines zu besitzen.